Erfahrungsbericht Yuri

 

Der "Fall Yuri"

 

Yuri ist ein unkastrierter Husky der im Ausland auf der Straße gefunden wurde. Die Finderin gab ihn in die Obhut eines Tierschutzvereins der den Hund ausreisefertig machte, so dass er von der Besitzerin nach Deutschland geholt werden konnte.

 

Yuri ist ca. 3 Jahre alt und leidet unter Leishmaniose. Die Besitzerin schon sehr zeitnah nach Ankunft des Rüden mit ihm in die Hundeschule um ihrer "Verpflichtung als Hundebesitzer" nachzukommen.

 

Auszug aus dem Anamnesegespräch:

 

  • Der Rüde lebte wohl eine ganze Zeit allein auf der Straße
  • Er hat eine Narbe die nicht fachmännisch versorgt wurde weswegen von einem Unfall o.ä. auszugehen ist
  • Durch seine Krankheit (Leishmaniose) war der Rüde felllos und damit u.a. der Sonneneinstrahlung schutzlos ausgesetzt
  • im Shelter wurde er, auf Grund von Unverträglichkeit, separat von anderen Hunden gehalten
  • Sowohl auf dem Transport nach Deutschland als auch in Deutschland selbst wurde er mehrfach von Hunden angefallen und auch verletzt
  • der Rüde wurde in verschiedenen Hundeschulen vorgestellt - u.a. wurde er hier als "dominanter Hund" bezeichnet und vor anderen Hunden vom Trainer unterworfen. Hingegen der Prognose des Trainers wurde sein Verhalten nicht besser sondern verschlimmerte sich wesentlich
  • ein anderer Trainer bearbeitete ihn mit einer Wurfkette
  • der Rüde reagiert auf alle Hunde (nach Aussage der Besitzerin vorrangig auf unkastrierte Rüden) extrem aggressiv
  • Yuri geht in die Leine, stellt sich auf die Hinterbeine und bellt / schreit
  • Ein entspannter Spaziergang ist für beide nicht (mehr) möglich. Die Besitzerin hat Angst, dass ihr Rüde wieder angegangen und gebissen wird und verbringt 80% der Spaziergänge mit dem Abscannen der Umgebung auf unangeleinte Hunde
  • "gemeinsame" Spaziergänge fanden nicht statt - jeder lief mehr oder weniger für sich - Blickkontakt wurde ignoriert 
  • daheim ist Yuri ein Stalker der schlecht abschalten kann und seiner Besitzerin viel folgt
  • der Besitzerin wurde nahegelegt, alle Annäherungsversuche des Rüden zu ignorieren bzw. zu unterbinden. Die Theorie besagt, dass der "Rudelführer" den Kontakt einleitet und nicht der Hund
  • ihr wurde der Einsatz von Stromhalsband - bzw. Stachelhalsband ans Herz gelegt
  • zudem wurde ihr von verschiedenen Seiten gesagt, dass Huskies mindestens 4 h täglich spazieren gehen müssen und das im Stechschritt, was sie auch umsetzte

 

 

Teilauszug der Verhaltensanalyse: 

 

  • Was der Rüde in seiner Vergangenheit erlebt hat können wir nur erahnen - rausfinden wird man es nicht. Dass ein Lebewesen welches aus einem fremden Land als Straßenhund in eine Wohnung nach Deutschland geholt wird erstmal "ankommen" muss sollte jedem klar sein. Das heißt das Zauberwort ZEIT
  • Dominanz ist immer situations- und zeitabhängig und findet zwischen zwei Individuen statt. Die Aussage der Hund sei dominant kann demnach so nicht stimmen. Auch das Unterwerfen durch Anwenden eines Alphawurfs ist keinesfalls ziehlführend und wurde widerlegt
  • der Einsatz von Schütteldosen oder Wurfketten ist fragwürdig grade im Hinblick auf die "Erwartungsunsicherheit". Zudem stellt sich die Frage, was der Hund hierdurch lernen soll
  • der Rüde wurde mehrfach gebissen und reagiert auf mögliche Konfrontation mit Anwendung der 4Fs (Fight, Flight, Flirt, Freeze). Die für ihn beste und nachhaltigste Strategie hier scheint "Fight" zu sein
  • Hunde haben ein Schlafbedürfnis von 16 - 20 h pro Tag. Ein Hund der von der Straße kommt war sicherlich niemals 4 h am Stück im Stechschritt auf Nahrungssuche. Beobachtet man Straßenhunde oder Wolfsrudel sieht man dies viel herumliegen und sich langsam fortbewegen. Zudem war der Rüde untrainiert das heißt ein 4 h Spaziergang überfordert den ohnehin gestressten Rüden zusätzlich
  • Leishmaniose und Stress vertragen sich nicht sonderlich gut weswegen bei einem Hund mit diesem Krankheitsbild noch mehr darauf geachtet werden muss

 

Auszug aus dem Teilergebnisbericht

 

  • Yuri hat > 1 kg zugenommen seit wir gemeinsam arbeiten (das hat die Besitzerin in den 12 Monaten davor vergeblich versucht)
  • die Spaziergänge sind wesentlich entspannter geworden. Die Besitzerin scannt nicht mehr permanent die Gegend und das Gassitempo hat sich verlangsamt
  • der Rüde darf "Zeitung lesen" und seinem natürlich Verhalten nachkommen
  • nach stressigen Tagen bekommt er einen Kong oder einen Knochen zum kauen (Stressreduktion)
  • ein Sozialisierungsspaziergang mit 3 weiteren Hunden (gemischtes Alter, Geschlecht und Temperament) klappt hervorragend und hingegen der ersten Theorie der Besitzerin reagiert er tatsächlich am wenigsten auf den unkastrierten Rüden
  • Auch wenn 2 Hunde unangeleint laufen verunsichert das den Rüden nicht. Wichtig ist hier, dass die Hunde Yuris Individualdistanz einhalten und wahren
  • die Sprünge in die Leine verringern sich zusehens. Aktuell kommt das beim Spaziergang maximal noch 2 Mal vor, teilweise garnicht mehr
  • Yuri kann in, für ihn stressigen Situationen, umgelenkt werden
  • er ist nicht mehr der stille Befehlsempfänger sondern darf sich selbst Belohnung erarbeiten (das heißt er bekommt nicht mehr das Kommando "in den Kofferraum" gesagt und erhält nach dem Reinspringen ein Leckerli sondern er darf selbst überlegen was zu tun ist um eine Belohnung zu erhalten
  • Futterbeutelsuche oder Mantrailing machen ihm sehr viel Spaß 
  • die Besitzerin spielt mit ihm (z.B. Fangen) was die Beziehung aufbaut bzw. stärkt
  • Yuri kommt immer öfter zum Kontakten zur Besitzerin. Sie wiederrum setzt sich öfter zu ihm in den Hundekorb und legt die Hand auf ihn (Stichwort Kuschelhormon Oxytocin)
  • Er hat mehr Schlafphasen und träumt auch mehr was bedeutet, dass er Erlebtes verarbeitet

 

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